Die Mühle, die das Wasser hob

Die Wedelfelder Wasserschöpfmühle bei Neustadtgödens erzählt von einem Land, das dem Wasser abgerungen wurde
Wer sich der Wasserschöpfmühle am Rand von Neustadtgödens nähert, sieht zunächst ein vertrautes Bild: eine Windmühle inmitten der flachen friesischen Landschaft. Wiesen, Gräben, ein weiter Himmel und darüber die vier Flügel der reetgedeckten Mühle.
Doch der erste Eindruck täuscht.
Hier wurde kein Korn gemahlen. Diese Mühle hatte eine andere, für die Menschen in dieser Landschaft weitaus wichtigere Aufgabe: Sie hielt das Land trocken.
Leben mit dem Wasser
Um zu verstehen, warum hier eine Windmühle zum Wasserschöpfen gebraucht wurde, muss man zurückblicken.
Die Landschaft rund um Neustadtgödens ist seit Jahrhunderten vom Kampf mit dem Wasser geprägt. Nach der Eindeichung des Schwarzen Bracks entstand neues Land. Doch Teile davon lagen so tief, dass Regen- und Grundwasser nicht von allein abfließen konnten.
Das Wasser musste hinausgeschafft werden.
1844 ließ der Graf von Wedel deshalb die Wedelfelder Wasserschöpfmühle errichten. Sie gehört zu den letzten Wasserschöpfmühlen, die in Ostfriesland gebaut wurden.
Die Kraft dafür lieferte das, was in Friesland fast immer vorhanden war: der Wind.
Wenn Wind zu Wasser wird
Von außen unterscheidet sich die Mühle zunächst kaum von anderen Windmühlen. Sie ist ein sogenannter Erdholländer. Ihre Kappe kann mit dem Steert so gedreht werden, dass die Flügel günstig im Wind stehen.
Im Inneren zeigt sich jedoch ihre Besonderheit.
Die Drehbewegung der Flügel wird über das Mühlengetriebe nach unten übertragen. Dort treiben sie zwei archimedische Schrauben an – große, schräg liegende Schneckenpumpen. Sie heben das Wasser aus den tiefer gelegenen Gräben auf ein höheres Niveau, von wo es weiter abfließen kann.
Ein jahrtausendealtes technisches Prinzip trifft hier auf die Kraft des norddeutschen Windes.
Und die Leistung ist erstaunlich: Bei ausreichend Wind kann die Mühle bis zu 20 Kubikmeter Wasser pro Minute bewegen. Ihr früheres Entwässerungsgebiet umfasste rund 400 Hektar.
Plötzlich bekommt die unscheinbare Mühle eine ganz andere Dimension.
Sie war keine romantische Dekoration in der Landschaft. Sie war eine Arbeitsmaschine.
118 Jahre gegen das Wasser
Mehr als ein Jahrhundert lang erfüllte die Mühle ihre Aufgabe. Erst 1962 endete der reguläre Schöpfbetrieb. Moderne Schöpfwerke hatten die Entwässerung übernommen und konnten unabhängig davon arbeiten, ob gerade genügend Wind wehte. Damit schien auch das Schicksal der alten Mühle besiegelt.
Wie viele technische Bauwerke, die nicht mehr gebraucht wurden, begann sie zu verfallen. Doch 1980 übernahm der Heimatverein Gödens-Sande die Betreuung und Sanierung. Kappe, Flügelkreuz, Steert und die beiden archimedischen Schrauben wurden restauriert beziehungsweise erneuert.
Heute ist die Wedelfelder Wasserschöpfmühle wieder voll funktionsfähig.
Bei genügend Wind kann sie zeigen, was sie früher Tag für Tag getan hat: Wasser heben und damit Land entwässern. Sie gilt als einzige noch voll funktionsfähige Wasserschöpfmühle im Landkreis Friesland.
Eine Maschine wird zum Denkmal
Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses Ortes.
Die Mühle erzählt nicht nur von alter Technik. Sie erzählt von einer Landschaft, die ohne Deiche, Gräben, Siele und Schöpfwerke eine andere wäre.
Heute fährt man durch die Marsch und nimmt die grünen Wiesen beinahe selbstverständlich hin. Wassergräben ziehen sich schnurgerade durch die Felder. Kühe stehen auf den Weiden. Straßen, Höfe und Dörfer liegen in einer Landschaft, die ruhig und selbstverständlich wirkt.
Die Wasserschöpfmühle erinnert daran, dass diese Selbstverständlichkeit erarbeitet werden musste.
Generation für Generation.
Deich für Deich.
Graben für Graben.
Und manchmal eben auch mit vier Flügeln im friesischen Wind.
Wer heute vor der kleinen Mühle steht und über das flache Land blickt, sieht deshalb mehr als ein schönes historisches Bauwerk.
Er sieht eine Maschine, die einst dafür sorgte, dass aus Wasser Land zum Leben wurde.
















